Kenne deine Zielgruppe!

Der hoffnungsfrohe, hoch motivierte Neuautor entschließt sich, sein erstes Manuskript zu schreiben. Ruhm und Geld locken. Voll Tatendrang füllen sich Seite um Seite. Ein Wälzer entsteht. Der nächste Megaseller ist zwar noch fern der Druckerpresse, doch das Wort ENDE unter dem Text ist bereits in Sichtweite. Schließlich hat die Leserschaft auf dieses Buch gewartet.

Welche Leserschaft denn eigentlich?

Der Weg zur eigenen Veröffentlichung ist mit unzähligen Stolperfallen gespickt. Gut, wenn man von Anfang an einiges richtig macht. Ein Tipp, den ich nicht oft genug wiederholen kann, lautet: Kenne deine Zielgruppe!
Frage dich selbst: Hast du dich vor deinem ersten Manuskript mit deiner Zielgruppe beschäftigt? Hast du dir Gedanken gemacht, wen du mit deiner Geschichte gezielt erreichen willst? Was deine Zielgruppe erwartet?
In den Schriftstellerforen, in denen ich unterwegs bin, hört man es häufig: »Meine Geschichte kann man nicht mit anderen Büchern vergleichen.«

Ist das wirklich so? Und wenn ja, ist das gut?

Jedes Genre hat seine ureigenen Gesetze. Diese sind nicht aus heiterem Himmel gefallen, sondern wurden vom Leser angenommen und werden seither vom Leser verlangt. Regeln brechen ist möglich. Regeln brechen macht Spaß. Fakt ist jedoch, die Mehrheit der Leser greift zum Bekannten. Möchte ein Neuautor so viele Leser wie möglich erreichen, tut er gut daran seine Zielgruppe zu kennen und sich an bestehende Regeln zu halten. In diesem Zusammenhang spricht man oft von »Im Genre schreiben«, was nichts anderes heißt, als dass man sich im Genre auskennt und feststehende Muster anwendet. (In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein interessantes Buch »20 Master Plots and How to Build Them« von Ronald Tobias.) Schreibt man für das eigene Kämmerlein, kann man jegliche Schreibtipps über Bord werfen. Andernfalls sucht man sich Referenzautoren und Referenztitel und lernt von denen.

Wo bleibt da der Individualismus?

Für die Zielgruppe zu schreiben, heißt nicht, eine 1:1-Kopie von einem anderen Buch zu schaffen. Es bedeutet, geschickt die eigenen Ideen in einem vorgegebenen Rahmen einzubauen. Es wäre fahrlässig, einen Psychothriller geruhsam beginnen zu lassen. Die Gefahr, den Leser auf den ersten zwei Seiten zu verlieren, ist vorprogrammiert. Thriller-Leser wollen genau diesen Thrill-Effekt von der ersten Zeile an. Ähnliches gilt für den seichten Liebesroman. Ein wahres Wunder vollbrächte der Autor, dessen Protagonisten sich am Ende nicht kriegen würden und der Leser dabei einen Jubelschrei ausstieße.

Kürzlich hatte ich in einer AG ein Exposé eingeschätzt. Urban Fantasy mit Vampiren. Dabei kritisierte ich abseits des Exposés den Handlungsort der Geschichte. Der Grundgedanke, das altbekannte City-Setting der Vampire in ein Dorf in Deutschland zu verlegen, ist erst einmal völlig legitim. Dennoch birgt es Risiken, wenn man dem Leser nicht plausibel macht, warum die Vampire sich ausgerechnet in einem 2000-Seelen-Dorf tummeln.
Die Mehrheit der Leser schätzt in diesem Genre das High-Society-Flair, das Großstadt-Ambiente, das aufregende Nachtleben, die Vorstellung, ein Vampir könnte neben einem auf der Tanzfläche der Disco tanzen. Der Gedanke an Gummistiefel und Kuhmist kann da schwer konkurrieren. Letztlich kommt es aber auf die Umsetzung an. Mit genügend Schreiberfahrung, eventuell einer erfundenen Legende, einer alten Klosteranlage und/oder unterirdischen Bauwerken bekommt man die Vampire auch zwischen Gänsen und Traktoren unter. Vom Ausbrechen um jeden Preis, von allzu viel Extravaganz, kann ich dagegen nur abraten. Agenten, Verlage und Leser machen bei Neulingen dahin gehend weniger Zugeständnisse.

Zurück zu der Aussage: »Meine Geschichte kann man nicht mit anderen Büchern vergleichen.« Das ist gefährlich und könnte ein Indiz dafür sein, dass man seine Zielgruppe verfehlt (hat). Auch in der Unterhaltungsliteratur kann man das Rad nicht neu erfinden. Vergleiche mit anderen Büchern sind zulässig und als Autor sollte man sich davor auch nicht scheuen. Teilweise fordern Agenturen bei der Bewerbung sogar die Benennung von Referenztiteln. Keine anzugeben, ist ein passender Ablehnungsgrund. Verlage wollen keine neuen Geschichten, sie wollen andere.

»Aber ich bin ein Indie-Autor, ich schreibe gegen den Mainstream. Regeln sind Klischees. Für mich gibt es keine Masterplots. Ich schreibe, wie ich Lust habe«, höre ich da Stimmen aufkommen.
Was heißt denn das genau? Dass man bewusst keine Leser erreichen will? Dass man alles anders machen will? Dass man es besser weiß, als die vielen Schriftsteller vorher?
Hier geht es nicht um Schubladenschreiben. Kein Autor lebt im luftleeren Raum. Auch die Self Publisher Titel in den Amazon-Charts bedienen im weitesten Sinne den Mainstream.
Selbst Nischen brauchen Leser. Leser gehören zu einer Zielgruppe. Vor nicht allzu langer Zeit gehörten im Bereich des Horrors Zombienovellen zu einer solchen Nische. Einige Autoren bedienten direkt die Wünsche nach (Achtung! Das ist nicht negativ gemeint!) hirnlosem Gemetzel. Das ist das, was die Leser erwarten.

Seine Zielgruppe zu kennen, fängt bereits mit der Altersangabe an. Man sollte das anvisierte Lesealter für die Planung eng fassen. 18-Jährige habe andere Bedürfnisse als 14-Jährige. Nicht jeder Text ist All Age. Satzbau, Wortwahl, Gewalt, Erotik, sozialkritische Themen usw. spielen da unterschiedliche Rollen. Zielgruppenorientiertes Schreiben muss man lernen.

Schlappe 99 Cent für langen Lesegenuss!
Schlappe 99 Cent für langen Lesegenuss!
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2 Gedanken zu “Kenne deine Zielgruppe!

  1. Ich gebe dir Recht, es ist immer ein kleiner Kampf – „Mein Buch ist anders“ ist zwar eine schöne Aussage, aber am Ende des Tages muss man es trotzdem in 3 Sätzen zusammenfassen können. Das heißt nicht, dass in kompliziertes Buch kein gutes Buch sein kann. Das heißt aber, dass es sich vielleicht nicht unbedingt als Einsteigerwerk eignet.

    1. Endlich wieder fließend Internet, um auf Posts zu antworten!

      Ja, eher zu Bewährtem greifen, ist oft die klügere Wahl. Der Begriff drückt es ja aus: Es hat sich bewährt. Im Detail kann man sich wunderbar entfalten.

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