Die Macht der Testleser

Braucht ein Autor Testleser? Und wenn ja, was macht einen guten Testleser aus?

Was die erste Frage anbelangt, kann man diese streng genommen mit Nein beantworten. Jeder Autor ist für sein Werk letztlich allein verantwortlich. »Meine Hand für mein Produkt!«, so hieß das damals bei uns im finsteren Osten. Ambitionierte Romanschreiber wissen es dagegen längst: Nichts ist so wichtig wie zeitiges Feedback. Hier leisten Testleser einen wertvollen Beitrag. Selbst minimale Kritik hilft dem Autor und damit dem Manuskript.

Um es vorwegzunehmen, Testlesen ist zeitaufwendig und macht Mühe. In erster Linie für den Testleser, denn der ist gefordert. Es geht nicht darum, eine Geschichte durchzulesen, sondern den Text zu bewerten. Zudem bekommt er ein unausgereiftes, weil (weitestgehend) rohes Manuskript in die Hände. Das kann die Leselust – je nach Qualität des Geschriebenen – schmälern.
Trotzdem profitieren beide Seiten, Autor und Testleser, von einer solchen Zusammenarbeit. Generell sollte ernsthaftes Interesse an der Aufgabe bestehen. Viele sind regelrecht begeistert, einen »Roman« vorab lesen zu dürfen.

Zu welchem Zeitpunkt sollten Testleser zum Einsatz kommen?

Grundsätzlich so zeitig wie möglich. Andererseits macht es Sinn, wenigstens einen Überarbeitungsgang voranzustellen. Die Testleser werden es danken. Unabhängig davon, kann es ein Vorteil sein, gleich zu Beginn Kritiker über die ersten Kapitel der Rohfassung drüberlesen zu lassen. Einfach um zu sehen, ob man die Geschichte vernünftig angepackt hat und alles in den »richtigen« Bahnen läuft.
Keinesfalls – und das sehe ich häufiger bei Autorenkollegen, als man denkt – sollten fast lektoratsreife Manuskripte den Testlesern vorgelegt werden, oft noch unter Termindruck. Was sollen Testleser da noch bewegen können?

Wer eignet sich als Testleser?

Im Prinzip jeder, der sich traut Kritik anzusprechen. Verkehrt machen kann man quasi nichts, denn man gibt ja lediglich seine eigene Meinung wieder, wie der Text auf einen wirkt. Ich persönlich sehe Verwandte und Bekannte nicht generell als ungeeignet an (wie es oft gepredigt wird). Der eigene Ehemann, die eigene Ehefrau können u.U. recht deutliche Worte finden. Keinesfalls sollte man Angeboten aus der Verwandtschaft nachkommen, die nur mal schauen wollen, was Autor so in seiner Freizeit macht.
Sollte man nur Testleser nehmen, die im selben Genre lesen? Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit einer Leserin gemacht, die meine Fantasy-Geschichten auf Herz und Nieren geprüft hat, obwohl sie sonst hauptsächlich Krimis liest. Von ihr kamen derart hochwertige Hinweise, dass ich sie mittlerweile zu meinem festen Testleserstamm zähle.

Was wird von einem Testleser erwartet?

Es hilft dem Autor nicht, wenn die bloße Aussage steht: »Die Geschichte hat mir gefallen/hat mir nicht gefallen.« Das kann man sich sparen. Richtig muss es lauten: »Die Geschichte hat mir gefallen/hat mir nicht gefallen, weil …« Besser ist Kritik direkt im Text bzw. separat pro Kapitel/Abschnitt.
Es kommt auch immer darauf an, was der Autor zu seinem Manuskript wissen will. In der Regel geht es um inhaltliches Feedback, ob die Geschichte stimmig ist, wie der Spannungsbogen empfunden wird, wie die Charaktere zur Geltung kommen. Weiterhin sollen Logikfehler und Plotschwächen (wenn vorhanden) aufgedeckt werden.
Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass die Testleser gern unschöne Formulierungen sowie Rechtschreibfehler, die ins Auge springen, anmerken. Keinesfalls sollte man von seinen Testlesern erwarten, dass sie die Rechtschreibkorrektur übernehmen. Wenn ich eine solche Forderung von Autoren lese, dreht sich mir immer der Magen um. Man kann höflich anfragen, ob der eine oder andere grobe Schnitzer mit markiert wird, doch eine »Pflicht« darf das nicht sein. Das hat mit Testlesen nichts mehr zu tun. Klar, die Testleserin, die zusätzlich Deutschlehrerin ist, nimmt jeder gern.

Rückmeldung da. Und nun?

Autoren tun sich u.U. schwer damit, aus dem Pulk der Kritiken die richtigen Schlüsse für ihren Text zu ziehen. Die gute Nachricht: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Überspitzt kann man sagen: 10 Testleser, 10 Meinungen. Das ist aber auch logisch, denn jeder Leser hat andere Empfindungen, wenn er einen Text liest. Wichtig ist, dass der Autor seine Helfer ernst nimmt. Ohne Respekt vor der Leistung der Kritiker ist eine fruchtbare Zusammenarbeit ausgeschlossen.
Der Autor sollte die Hinweise und (Verbesserungs-)Vorschläge nüchtern betrachten, Änderungen vornehmen, wo es sinnvoll ist. Dabei sollte man sich nicht davor scheuen, auch mal liebgewonnen Szenen, Formulierungen etc. auszumerzen. Stichwort: Kill your Darlings! Auf der sicheren Seite ist man, wenn sich die Testleser einig sind, dass dies oder jenes am Text nicht stimmig ist. Dann besteht dringend Änderungsbedarf. Schwieriger wird es, sobald die Testleser unterschiedliche Meinungen vertreten (einer findet die Protagonistin blöd, der andere wunderbar). Hier stellt sich die Glaubensfrage: Was glaubt der Autor?
Das ist meist Empfindungssache und es fällt leichter eine Entscheidung zu treffen, je erfahrener der Schreiber ist.

Kleiner Tipp: Immer eine gerade Anzahl an Testlesern auswählen. Wieso? Sollte die Meinung der Kritiker zu einer Sache gespalten sein (z.B. ob die Protagonistin den Protagonisten in dieser Szene küssen soll), bringt die Einschätzung des Autors sofort eine Meinungsmehrheit. Das macht eine Entscheidung leichter, als wenn die Ansichten 50/50 geteilt sind.

Ich versuche, mit einem festen Stamm an Testlesern zusammenzuarbeiten. Das klappt nicht immer, denn ich kann nicht erwarten, dass meine Helfer auf Kommando parat stehen, wenn ich ein neues Manuskript habe. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass ein Autorenkollege bzw. ein Hobbyschriftsteller einen Text völlig anders betrachtet als ein »testlesender Leser«. Hier ist eine Mischung meist ein Gewinn.

Schlussendlich ist Testlesen kein Hexenwerk. Es geht nicht darum, Kritik zu üben, sondern einen Text besser zu machen.

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