Von der Rohfassung zum Buch

Hartnäckig hält sich die Meinung, dass nach dem Wort ENDE unter dem Manuskript die Schreibarbeit beendet wäre und der Text sofort in den »Druck« könnte. Ja, so etwas gibt es – zumindest beschleicht einen diese Vermutung, wenn man manche E-Books von Selfpublishern anliest. Das ist problematisch, weil es nicht selten auf die Gesamtheit der Indie-Autoren zurückfällt. Aber das ist nicht der Weg, den ein professioneller Autor beschreitet.

Kürzlich habe ich ebenfalls die Rohfassung meines neuen Jugendbuchs abgeschlossen. Folglich steht dort auch das rettende Wort ENDE. Für mich als Autor ist das immer ein ganz wunderbarer Moment, den nichts und niemand mehr auslöschen können – mal abgesehen vom biblischen Armageddon. Sobald man die vier Buchstaben tippt, hat man das ehrliche Gefühl, etwas geschafft zu haben.
Leider ist das erst die halbe Miete, denn vor der Veröffentlichung haben Qualitätsprediger die Überarbeitung gesetzt. Zurecht! Eine Rohfassung kann man allenfalls der sehschwachen Großmutter andrehen, für die Enkel oder Enkelin ohnehin der/die Beste ist. Dem Leser will man so etwas lieber nicht antun. Ich zumindest nicht.
Mein Fahrplan zu einem ordentlichen Manuskript sieht demzufolge so aus:

1. Rohfassung
2. Überarbeitung 1 (am Computer)
3. Überarbeitung 2 (auf dem Papier)
4. Testleserrunde mit anschließender Überarbeitung 3
5. Überarbeitung 4 (nur Dialoge)
6. Überarbeitung 5 (Rückwärtskontrolle)
7. Endkontrolle

Danach sollte das Manuskript fertig sein für das Lektorat.

In der Theorie sieht das schon gut aus, in der Praxis erhalten kritische Kapitel eine höhere Beachtung. Bei meinem aktuellen Manuskript wurden z.B. die ersten 50 Seiten bereits vor Fertigstellung der Rohfassung überarbeitet und, anders als bei allen vorherigen Manuskripten, bereits von Testlesern gesichtet. Diese Maßnahme war notwendig, da ich mir unsicher war, ob der Anfang den Leser packt oder möglicherweise überfordert. Mein derzeitiges Jugendbuch-Projekt ist eben eine etwas knifflige Geschichte mit Irrungen und Wirrungen, bei der nicht alles so ist, wie es scheint.

Momentan „darf“ meine Frau die bisherige Fassung lesen und mir einen ersten Eindruck von der Gesamterzählung geben. Richtiges Lampenfieber packt mich dann ab dem Zeitpunkt, wo ich das vollständige Manuskript an die Testleser schicke. Eine ausreichende Anzahl Opfer Freiwilliger hat sich bereits gemeldet. Dabei bleibt wie immer die bange Frage: Werden sie das Manuskript hassen und mich verteufeln?
Dank einer meiner Lieblingsfunktionen bei Papyrus Autor (ein Schreibprogramm für Autoren) kann man sich im Text ausschließlich die wörtliche Rede anzeigen lassen. Das hilft massiv, um die Dialoge zu verbessern. Da Gespräche zwischen den Figuren enorm wichtig sind und den Leser nicht langweilen sollen, habe ich mir angewöhnt, diese in einem separaten Überarbeitungsschritt zu beackern.

Im vorletzten Schritt überarbeite ich das Manuskript kapitelweise von hinten nach vorn. Das mag ungewöhnlich klingen, erlaubt es mir jedoch (da ich an der Stelle bereits viel zu tief im Text drinstecke und daher blind für Fehler bin), einen etwas anderen Blickwinkel auf die Geschichte zu bekommen. Vor allem Stilabweichung zwischen Anfang und Ende (immerhin schreibt man den Text ja nicht an einem Tag, sondern über Wochen und Monate, bei Regen und Sonnenschein, bei guter und schlechter Stimmung) fallen eher auf.
Nach der Endkontrolle, wo ich hoffentlich überzeugt bin von meinem Bestseller Manuskript, darf der Lektor ran und das Ganze zerpflücken. In der Realität kommt der bis dahin schwarze Text feuerrot zurück. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich in den Laptop beißen möchte und mich frage, wie ich die Anmerkungen des Lektors in die Geschichte bekommen soll.

Wer denkt, dass es damit getan wäre, liegt erneut falsch. Aber über den wertvollen Beitrag eines Lektors kann ich gern ein anderes Mal berichten.

In diesem Sinne, ich halte euch auf dem Laufenden zu meinem neuen „Buch“! Gern könnt ihr mir auch bei Facebook folgen, um immer die neusten Infos nicht zu verpassen.

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4 Gedanken zu “Von der Rohfassung zum Buch

  1. Selbst fiebere ich auch schon dem Moment entgegen, in dem ich mein erstes ENDE schreiben kann. Ich fand deine Beschreibung sehr interessant und vorallem das mit den Stilabweichungen kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Schaut man auf Zeilen zurück, die man vor Monaten geschrieben hat, erkennt man sich oft gar nicht mehr wieder.
    Außerdem finde ich deine Überarbeitungsweise sehr lobenswert; das machen bestimmt nicht alle so!

  2. Überarbeiten, überarbeiten und nochmals überarbeiten. Das kenne ich nur zu gut. Deine Methode ist sehr akribisch. Danke für den Tipp, auch einmal von hinten zu beginnen.

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