Jeder sollte ein Bärenherz haben

Als ich im Mai im Kinderhospiz Bärenherz bei Leipzig angerufen und nach einem Vor-Ort-Termin zwecks Recherche zum aktuellen Manuskript gefragt habe, tat ich das mit mulmigem Gefühl: Erstens wusste ich nicht, wie die Leiterin das Anliegen aufnimmt und zweitens war da die Unkenntnis, was mich bei einer Zusage erwarten würde.
Wenn man als Autor in einem Kinderhospiz auf Recherche für einen Jugendroman geht, leuchtet das der Mehrheit noch ein, anders sieht es aus, wenn man ergänzt, dass man im Genre Fantasy schreibt.
Kinderhospiz und Fantasy? Da sind Nachfragen vorprogrammiert.
Aber das Telefongespräch verlief freundlich. Die Leiterin war ohne zu zögern bereit, meine Fragen zu beantworten und mir die Einrichtung zu zeigen. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass man die Privatsphäre der Kinder – die man im Bärenherz Gäste nennt – akzeptiert und schützt.

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Bei strahlendem Sonnenschein begrüßte mich in Markleeberg dann der Kees’sche Park mit seiner malerisch grünen Flora. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Leben einen Graureiher gesehen habe, aber dort flatterte einer über meinen Kopf hinweg. Das Kinderhospiz selbst liegt umgeben von Bäumen, Sträuchern und Wanderwegen; ein wirklich verträumter und erquicklicher Ort.
Das Wort Hospiz kommt übrigens aus dem Lateinischen und heißt übersetzt Herberge. Eine passende Bezeichnung, denn genau das findet man bei Bärenherz vor – keine Klinikatmosphäre, sondern kindlich moderne Unterkünfte und Aufenthaltsräume. Und eines war mir sofort aufgefallen: Überall traf ich auf Mitarbeiter mit freundlichen Gesichtern. Von Demotivation oder gedrückter Stimmung keine Spur. Man kann das Empfinden kaum beschreiben, aber man fühlt, dass man sich an einem Ort der Herzlichkeit aufhält.
Natürlich hatte ich mich im Vorfeld – allein schon bei der Ploterarbeitung zum Manuskript – über Kinderhospize im Allgemeinen und über Bärenherz im Besonderen kundig gemacht. Entsprechend war ich mit Fragen und Notizblock ausgerüstet.
Nach einer kurzen Vorstellung zu mir als Autor und zu meinem geplanten Titel erzählte mir die Leiterin viel über den Hospiz-Alltag, wobei ich mich mit dem Begriff in diesem Zusammenhang schwertue, denn der Tagesablauf ist so individuell, wie wir Menschen verschieden sind. Trotzdem fühlen sich die Gäste (einschließlich der Angehörigen) im Haus geborgen und man schenkt ihnen – trotz des Schicksals – ein Stück Alltag.

Selbstverständlich sprachen wir auch über den Tod und die harten Fakten. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Kinder bzw. Jugendlichen lebensverkürzend erkrankt. Fast keiner erreicht das 18. Lebensjahr. Neben unheilbaren Krebserkrankungen leiden die Menschen häufig an Stoffwechsel-, Muskel- und Herzerkrankungen sowie Gendefekten. Nicht selten handelt es sich bei den Kindern um Frühgeburten. Die Leistungen der Krankenkassen decken nur einen Teil der notwendigen Kosten für die stationäre Hospiz- und Palliativversorgung. Der Fehlbetrag muss über Spenden ausgeglichen werden, Zuschüsse anderer Träger gibt es nicht. Angehörige, die ebenfalls die Unterstützung des Hospizes benötigen, bleiben bei der Bezuschussung komplett außen vor. Eine Betreuung wird hier zu 100% vom Hospiz getragen. Diese Leistung ist unverzichtbar, damit Eltern (und Geschwister) so viel Zeit wie möglich im Bärenherz – und damit bei ihren Kindern – verbringen können.
Mit den Gästen wird – je nach Gesundheitszustand – viel unternommen. Neben therapeutischen Angeboten werden Ausflüge und Veranstaltungen organisiert. Dabei stehen die Wünsche der Kinder im Mittelpunkt und werden, soweit wie möglich, erfüllt. Wenn man hört, dass sich ein 16-Jähriger wünscht, einmal die Pinguine im Zoo füttern zu dürfen, dann hält man selbst inne und betrachtet seine eigenen Bedürfnisse.

Eingebettet im Kees'schen Park in Leipzig/Markkleeberg liegt das Kinderhospiz Bärenherz
Eingebettet im Kees’schen Park in Leipzig/Markkleeberg liegt das Kinderhospiz Bärenherz

Das Bärenherz ist eins von zwölf Kinderhospizen in Deutschland. Anhand der Zahl sieht man, dass nicht jedes Bundesland auf ein eigenes Hospiz zurückgreifen kann.
Die Leiterin von Bärenherz wünscht sich vor allem, dass noch häufiger auf diese Art von Institutionen hingewiesen wird. Die Akzeptanz bei denen, die um solche Einrichtungen wissen, schätzt sie als gut ein. Gleichzeitig freut sich die Hospizleitung über jede Möglichkeit, um das Kinderhospiz und dessen Angebot in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.
Trotz des kurzen Eindrucks, den ich von Bärenherz gewinnen konnte, bin ich auch heute noch beeindruckt. Ein Stück der Atmosphäre habe ich mitgenommen, um sie in meine Geschichte einfließen zu lassen. Manche Sätze des Gesprächs werden mich noch lange begleiten, denn sie sind es wert, darüber nachzudenken.
Auch wenn das Hospiz in meinem kommenden Buch nur einen Teil der Geschichte ausmacht und ich die Arbeit und das Wirken an diesem Ort in ihrer Gesamtheit niemals vollständig erfassen kann, soll das Geschriebene doch (trotz aller Fantasy) nah an der Realität sein. Dafür betreibt man Recherche und über das Ergebnis kann der Leser ab Herbst befinden.

Informationen zum Kinderheim Bärenherz findet man hier:

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